Kategorie: Grundlegendes

  • Fünf gegen die Big Five

    Fünf gegen die Big Five

    Gerade erst wurden weitere Liberating Structures offiziell veröffentlicht. Das freut mich riesig. Gleichzeitig höre ich immer wieder denselben Satz:
    „Es gibt mittlerweile so viele Liberating Structures. Ich nutze vielleicht drei davon.“

    Das erinnert mich an eine Anekdote, die mir Henri Lipmanowicz vor vielen Jahren erzählte.

    Keith McCandless und Henri waren sich damals uneins, wie viele Liberating Structures in ihrem ersten Buch beschrieben werden sollten. Keith wollte möglichst viele aufnehmen. Schließlich gibt es auch unzählige unterschiedliche Herausforderungen in Organisationen. Henri dagegen hätte am liebsten nur fünf beschrieben.

    Seine Begründung ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben:
    Schon fünf Liberating Structures wirklich in einer Organisation zu verankern, sei Kunst genug.

    Damals war ich fasziniert bis irritiert von dieser Aussage. Ich war schließlich mitten in meiner Phase, selbst neue Liberating Structures zu entwickeln, zu testen und Teile verschiedener Liberating Structures wild miteinander zu kombinieren und zu remixen. So entstand etwa ein „GWxWx15%„: Das meint ein What? So What? Now What? mit einem Gallery Walk anstelle des What? und 15% Solutions anstelle des Now What?). Nur fünf LS? Pfff!

    Heute bin ich ein wenig gesetzter und verstehe Henri nur zu gut.

    Die eigentlichen Fünf

    Zunächst mal meinte Henri damit nicht, dass die anderen Liberating Structures schlecht wären!

    Seine Beobachtung war vielmehr, dass in jeder Organisation bereits ein äußerst etabliertes Set an fünf Interaktionsstrukturen existiert.

    (Fast) jedes Meeting besteht letztlich aus einer Mischung aus:

    • Präsentation
    • offener Diskussion
    • moderierter Diskussion
    • Brainstorming
    • Statusrunde

    Das sind die Big Five der Zusammenarbeit!

    Das klingt unangemessen positiv, denn diese fünf Interaktionsstrukturen sind erstaunlich gut darin,

    • nur wenige Menschen zu Wort kommen zu lassen,
    • gemeinsames Denken auszubremsen,
    • Hierarchien zu verstärken,
    • Betroffene in Zuschauer zu verwandeln,
    • und gemeinsame Narrative zu unterdrücken.

    Genau deshalb haben Keith und Henri Liberating Structures entwickelt.

    Henris neue Five

    An die Stelle dieser gewohnten Muster wollte Henri fünf andere Strukturen setzen.

    Nämlich:

    Denn vier dieser Strukturen lassen sich auf nahezu jede Herausforderung anwenden:
    Mit Impromptu Networking aktivierst du eine Gruppe innerhalb weniger Minuten. 1-2-4-All erzeugt Ideen und Beteiligung praktisch zu jedem Thema. TRIZ (Creative Destruction) hilft, destruktive Muster sichtbar zu machen. 15% Solutions bringt Menschen ins Handeln. Und 9 Whys verbindet Menschen wieder mit Sinn, Motivation und einem gemeinsamen Narrativ.

    Gemeinsame Narrative zu entwickeln – Geschichten über unser Umfeld und unsere Wahrnehmung davon – ist im Übrigen der Kern von Liberating Structures. Geschichten darüber, wie wir unsere Situation verstehen und warum wir gemeinsam handeln sollten und wollen.

    Warum es zum Glück trotzdem viel mehr Liberating Structures gibt

    Doch Obacht! Ab jetzt jede Interaktion nurmehr mit diesen Fünf zu strukturieren birgt auch Gefahren. Trotz ihrer Vielseitigkeit passen diese Fünf nicht immer. Und die straffe Strukturierung dieser fünf kann sich auf Dauer zu eng anfühlen und das anfängliche erfrischende Gefühl umschlagen in eine LS-Müdigkeit. So ist ein großer Fehler vieler LS-Neubegeisterten, jedes Thema nur noch mit 1-2-4-All zu erörtern.

    Allein daher bin ich froh, dass es inzwischen fast fünfzig Liberating Structures gibt, die in Tempo, Striktheit, Lautstärke und angesprochenen Hirnregionen variieren. Manche bauen auf Storytelling (z.B. Appreciative Interviews, User eXperience Fishbowl, Heard Seen Respected), andere auf non-verbale Kommunikation (Drawing Together, Tiny Demons, Improv Prototyping). Einige berücksichtigen gezielt Expertisen- oder Erfahrungsgefälle (Celebrity Interview, Folding Spectrogram, User eXperience Fishbowl). Andere variieren im Tempo (entschleunigend: Conversation Café, dynamisch: Spiral Journal zu Mad Tea Party).

    Viele weitere Liberating Structures sind geschickte Abfolgen von Fragen, die uns Stück für Stück von der Sinnstiftung – dem individuellen und kollektiven Begreifen des Kontexts – hin zum Handeln führen (etwa What? So What? Now What? oder Ecocycle Planning und genau genommen alle weiteren LS).

    Natürlich entsteht dadurch die Herausforderung, passende Strukturen präsent zu haben und diesen großen Methodenschatz souverän einzusetzen.

    Henri hatte wahrscheinlich recht: Fünf Liberating Structures wirklich zu verankern verändert mehr als fünfzig nur zu kennen. Trotzdem bin ich froh, dass wir heute aus fast fünfzig wählen können.

    Genau darin sehe ich meine Berufung. Dich dabei zu unterstützen, die richtigen Liberating Structures zur richtigen Zeit einzusetzen. Und sie so sicher zu beherrschen, dass sie irgendwann ganz selbstverständlich Teil deiner Zusammenarbeit werden.

  • Komplexität erklären oder erfahren?

    Ich glaube, ich habe in den letzten zehn Jahren viele Modelle über Komplexität fasziniert verschlungen (oder mich manchmal auch ermüdet durchgequält ;)).

    Stacey. Cynefin. Graves. Laloux. Wohland. Weick. Lane & Maxfield. Ambidextrie.

    Ich habe jedem Modell zu Beginn erwartungsvoll in die Augen geblickt – in der Hoffnung, das eine zu finden, dass endlich für alle klar und überzeugend erklärt, warum wir Organisationen anders führen, anders zusammenarbeiten und lernen sollten.

    Heute glaube ich, dass genau dieser Wunsch selbst Ausdruck des Problems ist. Ein Wunsch nach Vollständigkeit und Sicherheit. Denn wir alle sehnen uns nach Planbarkeit und Sicherheit. Genau deshalb fällt es uns so schwer zu akzeptieren, dass Organisationen komplexe adaptive Systeme sind. Denn die einzige verlässliche Konstante ist hier die Veränderung.

    Netz und doppelter Boden?

    Folgende Geschichte wird mir öfter nach Trainings erzählt: Das Teilnehmy ist begeistert und hat erlebt, dass Zusammenarbeit auch ganz anders laufen kann – bzw. muss, um gemeinsam innovativ und motiviert im komplexen Umfeld zu agieren. Und dann geht es zurück in seine Organisation und zweifelt:

    “Wie erkläre ich das jetzt meinen skeptischen Kollegys? Meiner Führungskraft? Warum das funktioniert?”

    Genau an diesem Punkt ist es durchaus verlockend nach dem nächsten Modell zu greifen, das Komplexität endlich so gut erklärt, dass alle bereit sind, LS wenigstens ergebnisoffen auszuprobieren und das Risiko von Widerstand möglichst auszuschließen.

    Dabei vergessen wir leicht: Nicht die Theorie verändert die Praxis. Sondern die Praxis kann den Blick auf die Theorie verändern.

    In diesem Sinne erstmal ein oberflächlicher Ausflug in die Theorie ;).

    Etliche Modelle – ähnliche Schlussfolgerungen

    Die Modelle betrachten dasselbe Problem bzw. die Realität aus unterschiedlichen Blickwinkeln:

    • Die Stacey Matrix soll helfen, Entscheidungs- und Führungssituationen passend anzugehen.
    • Cynefin unterscheidet unterschiedliche Klassen von Problemen und angemessene Handlungsweisen.
    • Laloux fragt, welche Organisationsformen zu einer komplexen Welt passen.
    • Gerhard Wohland lenkt den Blick auf Dynamik, Ungewissheit und Überraschungen.
    • Karl Weick zeigt, das und wie Menschen Bedeutung durch gemeinsames Wirken erzeugen.
    • Lane & Maxfield beschreiben, wie notwendige Innovation für komplexe Herausforderungen aus generativen Beziehungen entsteht.
    • Ambidextrie untersucht, wie Organisationen gleichzeitig effizient und innovativ sein können.
    Wie wir uns organisieren würden, wenn wir die Komplexität unseres Umfelds akzeptierten.

    Der Mannigfaltigkeit zum Trotz, landen sie bei ähnlichen Konsequenzen:

    • Vorhersagen haben Grenzen.
    • Lernen ist wichtiger als Perfektion.
    • Vielfalt ist Segen und nicht Fluch.
    • Gute Entscheidungen entstehen näher an der Situation. Oder besser noch:
    • Handlungsorientierte Sinnstiftung ersetzt klassische Entscheidungsfindung.
    • Innovation entsteht in Beziehungen.
    • Anpassungsfähigkeit ist wichtiger als Kontrolle.

    Und all das wird von Liberating Structures aufgegriffen und berücksichtigt.

    Mit welchem dieser tollen Modelle oder Erkenntnisse soll also das besagte Teilnehmy seine Kollegys von passenden Herangehensweisen für das komplexe Umfeld überzeugen?

    Der eigentliche Hebel

    In den gemeinsamen Immersion Workshops mit Keith McCandless gab es immer wieder eine ganz bewusst optionale Session zur Theorie hinter Liberating Structures mit folgendem Titel:

    “Liberating Structures funktionieren hervorragend in der Praxis. Aber wie sieht es eigentlich in der Theorie aus?”

    Diese Session fand ich jedes Mal faszinierend. Auch weil sie für mich ein interessantes Relevanzgefälle sichtbar gemacht hat:

    Keith liebt Theorie. Liberating Structures sind aus der Theorie geboren. Die theoretische Arbeit rund um LS half dabei, LS zu entwickeln und hilft immer noch, Erfahrungen einzuordnen und die Methoden zu verfeinern. Aber die Theorie hat für Menschen, die mit LS beginnen, erstmal keine Relevanz, sondern einzig die Praxis.

    So war mein und bestimmt auch dein erster praktischer Kontakt mit Liberating Structures prägend. Und weniger meine gesamte theoretische Reise der letzten zehn Jahre. Ich bin zu Beginn nicht wegen eines Modells in Liberating Structures hineingezogen worden, sondern wegen der Erlebnisse damit.

    Eigentlich weiß ich das und alle meine Kurse bauen genau darauf auf: zuvorderst erleben und ausprobieren, reflektieren und den Transfer herstellen. Erst in zweiter Linie theoretisch einordnen und fundieren.

    Und trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, noch ein Modell, noch eine Theorie, noch eine Erklärung einzubauen. Neben meiner Faszination über die Tiefe des Themas, bestimmt auch, weil ich selbst dieselbe Sehnsucht nach Netz und doppeltem Boden habe: Anstatt stets auf die Erfahrung der Menschen zu vertrauen, sie sicherheitshalber mit guten Erklärungen absichern zu wollen.

    Wir werden und können es nicht allen recht machen. Es wird Skepsis geben. Oft verändert erst die Praxis den Blick auf die Theorie. Und die eigentliche Frage wird deutlich:

    Wenn wir akzeptieren, dass Organisationen komplexe adaptive Systeme sind – wie arbeiten wir dann morgen früh anders zusammen?

  • Ecocycle Planning Online

    Ecocycle Planning Online

    Stets haben wir zu viel auf dem Tisch. Aufgaben, Aktivitäten, Beziehungen, Projekte. Und irgendwann sehen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

    Oder vielleicht doch genau einen Baum – und wissen nicht:
    Sollen wir ihn fällen, ernten, wachsen lassen oder beschneiden?

    Genau hier setzt die Liberating Structure Ecoycle Planning an.

    Sie hilft dabei, Klarheit in ein Portfolio zu bringen: Was sollten wir stärken? Was loslassen? Wo stecken wir fest? Aber vor allem: Auf welche Veränderung werden wir uns konzentrieren=

    Ich habe Ecocycle Planning jetzt ausführlich auf meiner Seite aufbereitet – direkt aus meinem Buch: Ecocycle Planning.

    Mit Abbildungen, Tipps, Stolperfallen, Varianten und vielen Kombinationsmöglichkeiten zu anderen Liberating Structures.

    Du findest dort Antworten auf die Fragen: Wie bereite ich Ecocycle Planning vor? Was passt währenddessen? Und wie arbeite ich im Anschluss mit den Ergebnissen weiter?

  • 1-2-4-All ist einfach. Und genau deshalb wird es oft missverstanden.

    1-2-4-All ist einfach. Und genau deshalb wird es oft missverstanden.

    In meinen Kursen begegnen mir immer wieder Aussagen wie:

    „Ich habe in einem anderen Seminar gelernt, dass 1-2-4-All für die Einigung bei der Entscheidungsfindung ist. Jetzt ist mir mit dir klargeworden, dass das nicht stimmt.“ Yes. 

    Wir sind bestimmt öfter inhaltlich nah beieinander als gedacht. Und 1-2-4-All hilft uns, das zu erkennen. Auch indem wir von dem üblichen „Ja, aber“-Modus einer Diskussion befreit werden. Dieser Modus bringt uns schnell in eine  Gegensätzlichkeit, wo keine existiert.

    Doch das Ziel von 1-2-4-All ist, Ideen, Fragen, Meinungen, Bedenken, Erwartungen aufzudecken – durchaus mit Divergenz und Diversität.

    Auch sehr verbreitet: „1-2-4-All kann man immer einsetzen.“ Mit Verlaub: mitnichten.

    1-2-4-All schränkt gezielt ein. Es lässt kaum Raum für Vertiefung. Auch weil es  auf dem Prinzip der lokalen Interaktionen und der Co-Evolution aus komplexen Systemen basiert. D.h. es lädt absichtlich Redundanz und paralleles Lernen ein. Scheinbar auf Kosten der Effizienz. Ich kenne etliche Erzählungen, wo LS verbrannt wurde, weil es mit 1-2-4-All-Exzessen assoziiert wurde. (Auch ich, in meiner zu Beginn blinden und unbedachten Begeisterung für LS, habe gezündelt und gefeiert 🙈.) 

    1-2-4-All mag auf den ersten Blick offensichtlich erscheinen. Und ja, viele Menschen setzen es bereits gewinnbringend ein. Gleichzeitig zeigt meine Erfahrung: Gerade bei scheinbar einfachen Strukturen hilft fundierte Tiefe – und ein frischer Blick darauf, wofür sie gedacht sind und wofür bewusst nicht.

    Im Grundlagenkurs und im Intensivworkshop sprechen wir über solche Feinheiten.

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